Die Freude am Gesetz - Die Last der Freiheit

Von Donnerstag, den 15., bis Sonntag, den 18. September 2011 findet in Maastricht das Festival Musica Sacra Maastricht statt. Die 29. Edition des vielseitigen Kunstfestivals steht im Zeichen des Mottos Die Freude am Gesetz. Historische Standorte im Zentrum von Maastricht – und die einzigartige Abtei Sint Benedictusberg in Vaals - dienen den vielen Konzerten und Vorstellungen, die alle einen Bezug zum Festivalthema haben, als Kulisse.
Gern schlagen („pochen“) wir auf den Amboss der Freiheitund möchten dabei möglichst wenig über Hürden und Beschränkungen wissen. Die Französische Revolution verband den Ruf nach Freiheit mit Forderungen nach Gleichheit und Brüderlichkeit und setzte der Freiheit damit Grenzen. Die niederländischen Liberalen definierten und definieren diese Grenzen unter Berufung auf eine funktionierende Demokratie. Die jüngste politische Strömung, die die Freiheit in ihrem Namen als einziges Motto führt, ruft laut nach härteren Strafen. Kann es Freiheit um ihrer selbst willen geben? Gottes freie Natur ist als Begriff ein romantischer Irrtum, den wohl jeder Biologe bestätigen kann. Die für Fortpflanzung, Ernährung und Überleben vorgesehenen Spielräume sind einfach zu klein. Die ungebundene Freiheit, die in den sechziger Jahren proklamiert wurde, brachte nicht, was von ihr erwartet wurde. Letztendlich wurde sie als einschränkend und belastend empfunden. Denn nicht selten birgt Freiheit die Gefahr, dass sie sich in ihr Gegenteil verkehrt. Oder wie es Jonathan Franzen kürzlich kurz und krass formulierte: „Freedom is a pain in the ass.“

Es ist erstaunlich, dass selbst unbefangene Kinderspiele – und was scheint es Freieres zu geben? – wie selbstverständlich an strenge Regeln geknüpft sind. Möglicherweise werden diese Regeln mit Entfaltung des Spiels begründet. Wer sich nicht an die Regeln hält, darf nicht mitspielen. Fußball ohne Spielregeln ist undenkbar. Umso spannender wird es, wenn die Grenzen der Regeln ausgetestet werden. Bei einer Übertretung in flagranti sehen Spieler die gelbe oder rote Karte. Komponisten und Schriftsteller sind häufig erfolgreicher, wenn sie sich an stringente Vorgaben halten, die sie als Spielregeln vorher festgelegt haben. Welche großen monumentalen Werke wären dieser Arbeitsweise nicht zu verdanken? Denken Sie nur an Bachs Kunst der Fuge und Musikalisches Opfer. Die Freiheit scheint erst durch eine Situation der Gebundenheit vollends zu ihrem Recht zu kommen. Damit hört Freiheit nicht auf, Freiheit zu sein.

Diese Einsicht ist nicht neu. In der christlichen und außerchristlichen Tradition wurde sie wiederholt demonstriert und vorgelebt. Sie zeigte und zeigt sich im Leben von Mönchen in der ganzen Welt. Die jüdische Tradition kennt das Fest der Freude am Gesetz, das nicht der einschränkenden Bestimmungen der Thora wegen jährlich gefeiert wird, sondern ihrer Fruchtbarkeit und Keimkraft wegen. Die richtigen Gesetze helfen nicht nur die Bürde einer zu ungebundenen und damit lähmenden Freiheit leichter zu tragen, sondern bilden, mirabele dictu, auch und gerade das Fundament der zu entfaltenden Freiheit. Der Apostel Paulus spricht vom „vollendeten Gesetz, das Freiheit bringt“. Dass nicht jedes Gesetz vollendet ist, mag auf der Hand liegen. Musica Sacra Maastricht 2011 sucht die prekäre und komplizierte Balance zwischen Gesetz und Freiheit, zwischen Begrenzung und Entfaltung, und tut dies unter dem Motto: Die Freude am Gesetz - Die Last der Freiheit.

Die Programmkommission

MUSICA SACRA MAASTRICHT

Vrijthof 47
NL-6211 LE Maastricht

+31 (0) 43 350 5555
www.musicasacramaastricht.nl